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Gastbeitrag: Inside AStA? – Outside Academia! (Offener Brief an den kommissarischen AStA)

17. Februar 2011

An den
Allgemeinen Studierendenausschuss
der Universität Hamburg
Von-Melle-Park 5
20146 Hamburg

Hamburg, 16.02.2011

Inside AStA? – Outside Academia!

Dieser offene Brief richtet sich vor allem an Timo Hempel, den »Sonderbeauftragten für (Leit-)Kultur« des AStA, sowie an alle – nunmehr nur noch kommissarisch agierenden –Vertreter_innen des AStA UHH, die sich nicht von den Inhalten und den impliziten Intentionen des AStA-Werbefilms „Inside AStA“ distanzieren mögen

Der so genannte Imagefilm „Inside AStA“ hat für »Aufsehen« gesorgt. Ist „Inside AStA“ wirklich nur ein »lustiger«, aber missverstandener Film oder doch vielmehr eine gezielte Provokation, die es Euch ermöglichen soll, Euch als Widerstandskämpfer_innen gegen eine vermeintlich überzogene »political correctness« zu gerieren? Ist die Diskussion um den Film mit Eurem Einwand, zu einer wichtigen Diskussion um Rassismus beigetragen zu haben, nunmehr beendet?

Der bereits vielfach geäußerten Rassismus- und Sexismuskritik an der Darstellung der »afrikanisierten« Reinigungskräfte möchte ich mich zunächst in vollem Umfange anschließen.¹ Die unreflektierte und verallgemeinernde Repräsentation von Schwarzen als kulturell determinierte Afrikaner_innen ist in jedem Zusammenhang zu hinterfragen, insbesondere ist sie aber vor dem Hintergrund der Gründungsgeschichte der Hamburger Universität als Kolonialinstitut von besonderer Brisanz. Der von Euch skizzierte Konflikt zwischen körperlich arbeitenden Schwarzen und intellektuell tätigen Weißen verlängert den Kolonialdiskurs in den gegenwärtig geführten Diskurs über »kulturgenetische« Überlegenheit à la Sarrazin. Auf diesen Punkt ist Eure Entgegnung bisher nicht eingegangen. Die Verantwortung zur Überwindung von Rassismus obliegt der Gesellschaft, also uns allen. Das Bewusstsein darum, welche Bilder Stereotype produzieren und Machtverhältnisse zementieren kann nicht darauf beschränkt sein, dass sich diejenigen, die von diesen Stereotypen betroffen sind, erst zur Wehr setzen müssen.

Zunächst einmal: Habt Ihr vom AStA eigentlich jemals versucht, Kontakt zum Reinigungspersonal der Universität aufzunehmen oder Euch in die Lage dieser Menschen zu versetzen? Ihr erkennt sie übrigens an ihrer trostlosen Arbeitskleidung, die sie als Angehörige einer unteren Statusgruppe stigmatisiert. In der Zeit, in der ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität tätig war, habe ich mehrmals vergeblich versucht, ihnen gegenüber meine Wertschätzung für ihre Arbeit auszudrücken. Sie scheuten allerdings den Kontakt, versuchten ohnehin möglichst unsichtbar zu bleiben und keinen Anlass für befürchtete Beschwerden zu geben. Wer sich mit struktureller Gewalt auseinandergesetzt hat, versteht, warum sie Euch wohl niemals (obschon verdientermaßen) den Wischmob um die Ohren hauen würden. Sie auf diese Weise zu porträtieren – sie darüber hinaus zu Euren Gegenspielerinnen zu stilisieren – ist nicht mehr als ein widerlicher Tritt nach unten. Es wird in unserer Gesellschaft heutzutage viel über »Leistung« schwadroniert und ich bin überzeugt, Ihr haltet Euch schon jetzt für die »Leistungsträger_innen« dieser Gesellschaft. Aber seid sicher, ohne die Leistungen subordinierter Menschen könntet Ihr Eure weißen, privilegierten Hintern ganz sicher nicht auf die Universitätsbank drücken.

Doch darf die Kritik an dem Film nicht allein auf einen Rassismusvorwurf beschränkt bleiben, denn das Werk zeichnet sich schließlich durch eine Aneinanderreihung von Stereotypen aus. Erst die Auseinandersetzung mit dem gesamten Film sowie der um ihn geführten Diskussion offenbart den normativen Charakter und Euer neoliberales Weltbild. Mit dem »Imagefilm« versucht Ihr nicht zuletzt, die Beschneidung von universitären Freiräumen und die angestrebte Transformation der UHH in eine Elite-Universität zu rechtfertigen.

Nach der missglückten Afro-Bollywoodeinlage des Reinigungspersonals zu Beginn des Films wird das Publikum von dem Schauspieler Karl-Heinz von Hassel, der laut AStA-Ankündigungstext „dem alten Tatort-Ermittler Brinkmann zum Verwechseln ähnlich“ sieht „also spontan unser Vertrauen [erweckt]“,² zu einem Rundgang eingeladen. Dass wir die »Polizei« auf dem Campus wohl nötig haben, zeigt sich alsbald. Zwar vermag die AStA-Beraterin den artikulationsunfähigen »linken Spinner«, der im Info-Café Plakate aufhängen will, mit Herrenmenschenattitüde in seine Schranken zu verweisen. Doch dann kann der Tatort-Kommissar, wenn auch unbeabsichtigt, einen weiteren »Extremisten« aus dem Kopierraum vertreiben. Mit dem Ausruf „Mist, n’ Bulle!“ verlässt dieser fluchtartig die Szene. Seine Flugblätter mit der sinnentleerten Parole „Amis raus aus Brokdorf“ verweisen deutlich auf eine fehlende Berechtigung seiner politischen Arbeit. Die dabei angeschnittenen Themen, Anti-AKW-Protest und Friedensbewegung im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses, erscheinen als Relikt vergangener Zeiten und ohne Zweifel nicht mehr opportun.

Aber auch die in der Beratungssituation befindlichen Studierenden scheinen keine ernstzunehmenden Anliegen zu verfolgen. Eine Studentin kritisiert den verpflichtenden Erwerb eines HVV-Semestertickets mit dem von vorne herein vergeblichen Verweis darauf, dass sie nur wenige Minuten von der Universität entfernt wohne und die Fahrkarte deshalb gar nicht benötige. Ein Pärchen trägt seine Beziehungsstreitigkeiten in die Beratung, kann sich weder für den Kulturkurs »Fahrradselbsthilfe« noch »Akt & Porträt« entscheiden. Ein weiteres Pärchen vergnügt sich im AStA-Materialraum. Im Kinderhort sitzen zwei verantwortungslos rauchende Betreuerinnen, das einzige Kind wurde unbeaufsichtigt zum Holen von Memorykarten geschickt. Niemand scheint hier ernsthaft studieren zu wollen und die Universität ist zu einem Hort der Nebensächlichkeiten verkommen. Am Ende des Filmes trifft der versinnbildlichte »Ordnungshüter« schließlich auf zwei junge Studienanfängerinnen aus der »Provinz«, die des Hochdeutschen offensichtlich nicht mächtig sind – als ob in Hamburch akzentfrei Hochdeutsch gesprochen werden würde – und die er dann untergehakt, einem symbolträchtigen Kaffeetrinken zuführt. Noch bevor sie ihr Studium begonnen haben, erreichen sie ihr offensichtliches Ziel: Sich einen distinguierten Herrn zu angeln! Die traditionelle Arbeit des AStA erscheint in dem Film als überflüssig – lediglich der ebenfalls gezeigte Obdachlose kann von ihrem Müll anscheinend noch »profitieren«. Ganz klar, vor diesem Hintergrund kann die eigentliche Arbeit des AStA getrost vernachlässigt werden! Denn wen sollten hier schon Studiengebühren, die Beschneidung von Frei- und Denkräumen, die Untiefen der Studienreform oder gar die ewige Unterfinanzierung der Universität Hamburg interessieren? Deshalb kann eine sinnvolle Arbeit des AStA wohl nur in einer radikalen Abkehr vom politischen Handeln liegen.

Das, wie zur Entschuldigung angeführt wurde, im Film alle Charaktere gleichsam karikiert werden, greift zu kurz. Eine umfassende Kritik an Eurem Film sollte sich dementsprechend nicht nur auf das beschränken, was Ihr vorgeblich »liebevoll« nachzeichnet, sondern auch die offensichtlichen Leerstellen einbeziehen. Euer »Mikrokosmos Universität« besteht ja nicht zufällig nur aus scheinbaren Außenseiter_innen und »Störenfrieden«. Wo bleiben die Karikaturen etwa von rechten Macho-Burschenschaftlern, den neoliberalen Elitekrieger_innen und Karrierist_innen, aber auch des Präsidiums, von Professor_innen und anderem wissenschaftlichem Personal, Dozent_innen oder dem TVP? Warum bleiben privilegierte Personenkreise von Eurer »Liebe« verschont? Gezeigt werden eben lediglich Menschen, von denen sich »ordentliche« Studierende vermeintlich nur belästigt fühlen können und die – so die implizite Botschaft – an der Universität nichts zu suchen hätten oder, wie im Falle der unentbehrlichen Reinigungskräfte, wohl besser unsichtbar blieben.

Mittlerweile lässt sich der Film ohnehin nicht mehr isoliert betrachten. Ist es doch darüber hinaus Euer Umgang mit den kritischen Reaktionen, der Anlass zu weiterer Kritik gibt. Timo Hempels Auftritt bei der Premiere im Abaton-Kino war an Selbstgefälligkeit kaum zu überbieten. Von einem Reflexionsvermögen war bei diesem Medien- und Kommunikations-wissenschaftler nichts zu erkennen (Lernziel verfehlt!). Fragen hat er ignorant übergangen, stattdessen feige eine der schwarzen Darstellerinnen vorgeschoben, als könne diese qua Hautfarbe einen Rassismusvorwurf entkräften. Selbst wenn, bliebe doch eine Klassenarroganz sowie die Verachtung einer gebildeten schwarzen Schauspielerin gegenüber einer vermeintlichen »kulturellen Andersartigkeit« in Betracht zu ziehen.

Die im Abaton von Timo Hempel geäußerte Rechtfertigung, dass es sich bei den Darstellungen des Films um insider-jokes handele, soll wohl bedeuten, dass eine Kritik lediglich von außerhalb der Universität kommen könne – vom »Ausland gesteuert« sozusagen.

Das Ihr anscheinend – inside AStA – hinter verschlossenen Türen über Euch missliebige Personen herzieht, ist schon bezeichnend. Aber Euer Vorhaben, den Film in den Orientierungseinheiten zu zeigen, also einem Publikum präsentiert, welches eben nicht aus Insidern besteht, offenbart vielmehr Eure indoktrinäre Intention.

Dass die bei you tube veröffentlichte Filmaufnahme der Premiere im Abaton von Euch aus »urheberrechtlichen Gründen« zensiert wurde, ist mehr als peinlich – zumal davon nicht nur der Film selbst (Teil 2), sondern auch die Kritiken und die Diskussionen (Teil 1 und 3) davon betroffen waren. Die Begründung, dass die Aufnahmen illegal entstanden sind, erscheint mir fadenscheinig – hättet Ihr sie doch einfach autorisiert, sofern Ihr die darin geäußerten Kritiken nicht fürchtet.

Die auf Eurer Website veröffentlichte Reaktion zu den Vorwürfen zeigt zudem, dass Ihr letztlich wenig von der Kritik verstanden habt, was eben auch mit mangelnder Medienkompetenz zu erklären ist (auch hier Lernziel verfehlt). Ihr mahnt darin einen „zensurfreien Diskurs“ und einen „offenen Dialog ohne vorverurteilende Anschuldigungen“ an und zielt dabei allein auf die Eurer Meinung nach ungerechtfertigte Kritik an dem Film, nicht aber etwa auf Eure Weigerung ihn vor der Premiere dem StuPa zur Verfügung zu stellen, noch auf Eure Zensur der Aufzeichnung im Abaton. Dienen diese Maßnahmen nicht einzig dazu, Kritik zu einer »Vorverurteilung« abstempeln zu können? Das durch die Überspitzung von Vorurteilen der „Film die Absurdität des Gezeigten [kommuniziere] und damit sein differenziertes Gegenteil [beschreibe]“ und Ihr dies durch „filmtheoretische Betrachtung gestützt“ seht, lässt Euch zu dem Schluss kommen, der Film „wurde somit als nicht-rassistisch eingeordnet“ (Seid Ihr die Instanz, die dies abschließend zu beurteilen vermag?). Weiterhin zusammenhangslos und sprachlich unbeholfen reproduziert Ihr dann den Einwurf eines Kommilitonen bei der Premiere indem Ihr schreibt, dass nur die „vorherige Erkenntnis“ Kabarett möglich mache – ich hingegen kann bei Euch noch nicht einmal eine späte Einsicht erkennen. Rassismus einige Zeilen weiter zu einem letztlich subjektiven Phänomen zu erklären und den Betroffenen damit implizit eine »Überempfindlichkeit« zu unterstellen, mag Euch vielleicht trickreich erscheinen, lässt aber die ebenfalls geäußerte Entschuldigung zur Farce verkommen. Dass die Seite mit Eurer Erklärung zwar über einen »Gefällt mir«-Button verfügt, nicht jedoch Gelegenheit bietet, mögliches Missfallen auszudrücken, zeugt überhaupt von einem fragwürdigen Demokratieverständnis.

Die stereotype Behauptung, der Film sei ja bloß eine Satire, vermag einer Kritik nicht ernsthaft entgegen zu treten. Geschenkt: Er sei Satire. Aber jeder Satire, Parodie, Karikatur – wie überhaupt jedweder künstlerischen Äußerung – liegt eine Position, eine Perspektive und ein Interesse zugrunde. Allein die Kritik an Eurem Film undifferenziert als »linksextremistisch« zu diffamieren sagt diesbezüglich schon viel über Eure Positionen und Ziele im AStA der UHH aus. Vor dem Hintergrund der Abschaffung des teilautonomen Frauenreferats wie auch Eurer Solidaritätsverweigerung mit der Initiative Dresden Nazifrei verliert der Film ohnehin eine postulierte »Unschuldigkeit«.

Die von Euch hoch gelobte professionelle Produktion eines Monty Arnold hat Euch nicht mehr und nicht weniger als eine universitäre Neuauflage von »Ups – Die Pannenshow« beschert. Glaubt Ihr wirklich, dass Studierende, die sich von einem Film mit dem Des-informationspotential einer vom beworbenen Produkt entfremdeten Fernsehwerbung angesprochen fühlen, für eine ernsthafte universitätspolitische Arbeit geeignet sind? Solltet Ihr wider Erwarten tatsächlich eine maßgebliche Zahl von Studierenden repräsentieren, so brauchen sich diejenigen, die freie und kritische Wissenschaft aus den Universitäten zugun-sten von stromlinienförmigen Scheuklappen-Studierenden zu verbannen suchen, keine Sorgen zu machen. Die Universität Hamburg zersetzt sich dann von alleine – und zwar von unten. Es geht also nicht allein um das Problem des Rassismus in einem unterbelichteten Film, sondern vielmehr um die Frage, wes Geistes Kind die Universität Hamburg zukünftig sein soll.

Es geht mir auf auch keinen Fall darum, den Film „Inside AStA“ einer Zensur zu unterwerfen oder ihn gar in der Versenkung verschwinden zu lassen – im Gegenteil: Auch wenn ich ihn für die Aufführung in Orientierungseinheiten der Erstsemester für ungeeignet halte, möge er doch zukünftigen Generationen von Studierenden in Politik -, Rassismus-, Gender- oder Film- und Kommunikationswissenschaftsseminaren zur kritischen Auseinandersetzung zur Verfü-gung stehen – selbstverständlich in der ungekürzten Fassung der Premiere im Abaton-Kino!

Armin Hinz (Mesoamerikanist, M.A., Promotionsstudent an der Universität Hamburg)

Mit solidarischer Unterstützung:

Eva Fuchs (Ethnologin, M.A., Promotionsstudentin an der Universität Hamburg)
Martina Kamp (Historikerin, M.A., ehemalige Studentin und Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg)
Barbara Kauffmann (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg)
Melani Klaric (Sozialwissenschaftlerin, Promotionsstudentin an der Universität Hamburg)
Ulrike Lingen-Ali (Dipl.-Erziehungswissenschaftlerin, Promotionsstudentin an der CvO Universität Oldenburg)
Ponnammal Moses (Erziehungswissenschaftlerin, M.A., Universität Hamburg)
Markus Poócza (Ethnologe, M.A., ehemaliger Student an der Universität Hamburg)
Negar Taymoorzadeh (Erziehungswissenschaftlerin, Studentin an der Universität Hamburg)

Fußnoten

  1. Eine umfangreiche Dokumentation der Kritiken findet sich auf der Website »StuPa-News« (https://stupanews.wordpress.com/tag/inside-asta/).
  2. http://www.asta-uhh.de/home/home-detail/article/asta-kurzfilm-inside-asta-am-0302-um-1900-uhr-im-abaton-kino.html

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One Comment leave one →
  1. Geschlecht:_Innen permalink
    19. Februar 2011 22:01

    Ist ja schön und gut, aber das gendern mit _Unterstrich_ sieht einfach scheiße aus. Da hat man gar keine Lust mehr den Text zu lesen…

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